Perforator
Kurzgeschichte
Mit einem Satz waren wir zu Konkurrenten erklärt. Der betagte weiße Mann, Typ Oberlehrer, der uns Schicksalsgenossinnen und Genossen zu Konkurrenten machen wollte, wog seinen dickbäuchigen Leib unsicher hin und her und verhaspelte sich. Schräg vor ihm saß, den das unsägliche Gerede nur noch nervöser werden ließ, eine zweite kahle Kartoffel. Etwas jünger als die erste. Insgesamt zählte ich mit mir siebzehn in der Warteschleife. Zusammengepfercht in einem überbunten Klassenzimmer mit Fenstern zur Sportanlage, auf der Jugendliche Sprints trainierten. Man konnte förmlich spüren, wie die Anspannung im Raum stieg. Bis hierhin hatte wohl jede und jeder angenommen, man komme her, präsentiere fünf, gut vorbereitete Minuten Lebenslauf und suche sich anschließend eine unter den Schulen aus.
Die Klingel zur großen Pause hatte unseren Anpeitscher nur kurz unterbrochen. „Das Land hat einen Lehrermangel, aber keinen an Bewerbungen von Quereinsteigern. Auf eine Stelle kommen vier von Ihnen. Sie sind heute die dritte Runde, nach Ihnen noch zwei weitere. Ich rufe Sie einzeln auf und führe Sie in die Sporthalle. Dort sitzen die Schulleitungen. Was sie sagen sollen, wissen sie. Als erstes…“ kam mein Name.
Es gab mir Zuversicht mit auf den Weg nach nebenan, dass die Mistreiterinnen und Mitstreiter mir viel Glück wünschten. Mit den Glückwünschen stemmten wir uns gegen diesen unsäglichen Versuch, uns das Leben unnötig schwer zu machen. Wahrscheinlich war niemand davon abhängig, sich hier durchzusetzen. Vorbei waren die Zeiten von allgemeiner Arbeitslosigkeit. Auch ich hatte als Projektleiterin nicht schlecht verdient, als die Pandemie einsetzte. Da war es kein Untergang gewesen, gekündigt worden zu sein. Jetzt wollte ich nicht weiter Lehrvideos für Kinder produzieren und damit noch einem Startup zu Millionen verhelfen. Ich hatte Lust auf die vorderste Front. Ich reckte mich, streckte die Brust raus. Ich machte mich innerlich groß und stieß die schlechten Gedanken aus Zaudern und Selbstzweifel von mir. An der Tür winkte ich nochmals allen zu. Wir sahen uns ja wohl nicht wieder.
Auf dem Gang herrschte das Pausengeschrei der Gesamtschule. Einer Brennpunktschule. Die Hearings für die westlichen Stadtbezirke waren in ihrem weitverzweigten Komplex untergebracht. Zum ersten und einzigen Mal durfte ich erleben, was eine Lehrerin da erwartet – Horden Halbstarker. Eine der Horden hatte sich vor der Sporthalle zu einer Gasse aufgestellt. Mit Unkenrufen nahmen sie mich Bewerberin in Empfang. Vom Kommissionsleiter, der mir ja vorauslief, hätte ich erwartet, dass er seiner potenziellen Kollegin unmittelbar vor dem Vorsprechen eine solche Ablenkung ersparte. Der Gesamteindruck brachte einen ins Grübeln. Ist es das wirklich, was ich will?
Solange ich nicht hereingelassen wurde, stand ich bei den Halbstarken (alle einen Kopf größer als ich) wie abgestellt und nicht abgeholt. Ich ignorierte ihre unverschämten Kommentare. Ich konzentrierte mich auf das, was gleich kam. Weiterhin tat mir auch der Mitstreiter von der vordersten Reihe leid. Von vorne sah er nicht mehr ganz so alt aus unter der hohen Stirn. Es war ein kerniger Mann, um die Mitte Vierzig, mit einnehmendem Lächeln. Wenn es auch ein verrutschtes Lächeln war. Er rieb sich die Oberschenkel. Er lachte auf, wo es gar nichts zu lachen gab. Er war dabei, sich in seine Anspannung ganz hineinzusteigern. Die Aufregung hatte ihn aus der Balance gestoßen. Als ich an ihm in der ersten Reihe vorbeikam, meinte ich, es würde ein Alkoholgeruch von ihm ausgehen. Aber nicht die Wolke einer Partynacht mit viel Gesang und Freunden, sondern so eine in der Not aufgewärmte Fahne. So eine Jahre alte, abgestandene, süßbissig-wolkige Ausdünstung. Ein Gestank, der das Vorsprechen verunmöglichte. Ich wünschte ihm, nicht als letzter an die Reihe zu kommen und eine geschlagene Stunde ausharren zu müssen. Als dann die Tür zur Sporthalle aufschnappte, sagte ich mir zum Auftritt noch die fünf Asse vor: Ankommen, Aufbauen, Anschauen, Ausatmen und Anfangen.
Wie ich wieder aus der Turnhalle trat, waren die Jugendlichen verschwunden. In den Gängen, die ich zum Ausgang abging, war es mucksmäuschenstill. Ich ließ den eigenartigen Mief aus hundert Jahren Biederkeit, Angst und Vorfreude auf ein Leben danach, der sich im Schulgebäude festgesetzt hatte, hinter mir. Wir Neuen, dachte ich mir noch, würden schon ordentlich durchlüften. Es war Mittag. Draußen wartete ein milder Wintertag. Ich hatte mir den Rest des Tages freigenommen. Ich schlenderte zum gegenüberliegenden Kanalufer und von dort flussaufwärts. Versunken schaute ich nochmals in die einzelnen Gesichter der Schulleitungen. Sie hörten mir aufmerksam zu. In der Tiefe der Sporthalle, in der sich die Stimme etwas verlor, hatten sie hinter in Reihe gestellten Tischen Platz genommen. Die Kommission aus fünf alten, weißen Männern hatte ich im Rücken sitzen. In Erinnerung blieb mir neben unserem Anpeitscher noch dieser Witzbold, der mir mit viel Ironie zum dritten Mal das Prozedere der fünf Minuten Vorstellung erklärte, wo es ja nichts zu erklären gab. Fünf Minuten reichen aus, um Fremden ein umfassendes Bild von sich zu geben. Man zählt seine Stärken auf, lässt den Blick durch die Reihen der Zuhörenden schweifen und sieht sich gegenüber in einige wohlwollende Gesichter. That’s it. Danach bedankte sich der Kommissionsleiter endlich sachlich bei mir und gab seinen Kolleginnen und Kollegen die Möglichkeit, Fragen an mich zu richten. Es schien ihnen alles klar zu sein. Wiederholt wurde ich darauf aufmerksam gemacht, nur von den interessierten Schulleitungen kontaktiert zu werden, jedoch erst ab morgen Vormittag, – und bat mich, die Tür zur Sporthalle hinter mir zu schließen. Mein Handy hatte ich inzwischen wieder auf laut gestellt. Spätestens morgen würde sich jemand melden.
So ganz zufrieden war ich nicht. Je länger ich den Kanal entlang spazierte, je mehr Zeit mir zum Grübeln blieb, kam mir dieses und jenes in den Sinn. Hätte ich nicht noch einen weiteren Satz zu meiner Erfahrung mit Kindern verlieren sollen? Vor allem als kinderlose Frau, die bei Manchem den Eindruck erwecken konnte, sie würde das Wochenende im Sisyphos durchtanzen. Männerfantasien. Hätte ich insgesamt bedächtiger vortragen sollen? An einer nächsten Brücke überquerte ich den Spreekanal, der zwischen Gestrüpp und Schrebergärten entlangfloss, und schlug den Rückweg ein. Ich bin eigentlich keine, die nach hinten schaut. Wieso aber war ich dieses Mal umgekehrt und ging im Kreis, um letztlich nur wieder an der Schule herauszukommen? Gärten zogen sich am Wasser entlang und, wenn hinter ihnen nicht Flughafen und Gefängnis lägen, wäre es hier im Sommer sicherlich beschaulich. Jetzt im Winter war alles karg. Ich steuerte den Kiesweg geradeaus auf die Hinterseite des Schulkomplexes zu. Bevor ich ein zweites Mal auf das Gelände gelangte, hielt sich an dem Zaun eines Schrebergartens eine Gestalt fest. Aus sicherer Entfernung hatte ich mir schon gedacht, mit dieser Person könnte etwas nicht stimmen. Als ich ihr näherkam, erbrach sich der Mann auch noch. Eine mitleidenswerte Situation, schüttelte es mich. Ich wollte eigentlich gar nicht hinschauen. Aber bevor ich vorbeihuschen konnte, musste ich konstatieren, es war unser Genosse. Er war es tatsächlich. Ich kann nicht sagen, wer zuerst grüßte.
Es war uns beiden peinlich. Sonst war niemand zu sehen. In der Not fragte ich ihn, ob er krank sei, und reichte ihm eine Packung Kleenex, die ich intuitiv hervorgekramt hatte. Er bedankte sich für das Tempo und verbarg schnäuzend sein Gesicht dahinter. Lange brachte er kein Wort heraus und suchte seine Kleidung auf Spritzer ab. Was er tat, tat er ungeschickt. Seine Bewegungen wollten so gar nicht zu seiner sportlichen Erscheinung passen. Sie waren ganz ohne Rhythmus, abgehackt. Das Taschentuch musste er vom Boden aufheben, weil es ihm aus der Hand gefallen war. Beim Bücken fiel er beinahe um. Ich hätte ihn gern direkt gefragt, ob er nicht zu viel getrunken habe, wollte ihm aber nicht zu nahetreten. Stattdessen legte er ungefragt los:
„Ich habe gebeten, auf die Toilette zu können. Sicherlich warten sie noch. Nur die eine Ältere mit der roten Brille war noch übrig. Ich habe jeden aus dem Raum schreiten sehen.“
„Ach, scheiß einfach auf die Aufregung. Mach‘ die Augen zu, probiere es!“, wollte ich ihm Mut machen.
„Solltest du durchkommen, wirst du mal jemand, den die Kinder lieben werden. Deine Kraft wird dir helfen. Als du aus der Tür bist… Selbst wenn die Tür verschlossen gewesen wäre, du wärst durch sie hindurchgegangen. Trotz allem: Man weiß nie, woran man ist. Eine Unachtsamkeit, schon ist es passiert.“
Ich bot ihm ein weiteres Taschentuch an. Aber er winkte ab.
„Geht es dir wirklich gut?“, ließ ich nicht locker.
Doch er redete einfach über meine Frage hinweg, als wäre ich gar nicht anwesend.
„Weißt du, es treten Umstände ein, für die man dich verantwortlich machen wird. Vielleicht ist es noch dunkel an deinem ersten Tag, wenn du Frischling am Frühmorgen das erste Mal durch das Schultor trittst. Vielleicht ist die Klinke noch kalt und nass von der Nacht. Oder es regnet in einem fort…“
Meine Güte, dachte ich mir, mache einen Punkt! Erst einmal musst du dort drinnen gelingen.
„…Du kennst bereits deinen Stundenplan. Du weißt auch, wo sich das Klassenzimmer befindet. Deine Mentorin und dein Rektor hatten dich einmal herumgeführt. Das Gebäude könnte auch ein Krankenhaus beherbergen. Die Schülernamen hast du dir mit Hilfe der ausgedruckten Klassenlisten eingeprägt. Jetzt bist du die erste. Vielleicht triffst du eine Kollegin am Kopierer an und ihr stellt euch einander vor. Dabei kontrollierst du aufgeregt die Stapel Kopien, dass du ja nichts vergisst. Im Stress der ersten Wochen vergisst du wahrscheinlich, deine Kopien zu lochen. Das Klassenzimmer, das du dir aufschließt, liegt kühl und still. Erst das Geschrei der Kinder heizt es auf. An das Geschrei wirst du dich noch gewöhnen müssen. Dir bleibt eine halbe Stunde, dich zurechtzufinden.“
„Meinst du nicht, sie warten auf dich?!“, unterbrach ich ihn ohne jegliche weitere Geduld. Er war doch völlig abgeschweift. Ohne seinen Blick zu heben und mir einmal in die Augen zu schauen, hatte er ohne Punkt und Komma vor sich hingeredet. Warum nahm er nicht dort drüben in der Sporthalle sein Herz in die Hand?, fragte ich mich. Ich hätte ihn fragen sollen. Natürlich hatte ich die Sorge, wegen seines Gequatsches würde ich den Klingelton meines Handys überhören, sobald man mich kontaktierte. Auch hatte er etwas Aufdringliches an sich. Wahrscheinlich würde er mich gleich zu Kaffee mit Rum einladen. Bevor es dazu kommen konnte, verabschiedete ich mich, ohne groß Worte zu verlieren, schüttelte ihm die Hand, riss ich mich los und eilte davon. Wie gut wäre es doch, sagte ich mir noch in der Eile von einer unsichtbaren Hand zur Eingangstür gezogen, aus der ich vorhin erst getreten war, eine zweite Chance zu bekommen, sich den Schulleitungen vorzustellen. Vielleicht sollte ich es einfach probieren. Ich könnte einfach reinspazieren und darum bitten. Ein wenig unkonventionell zu sein, das könnte sich doch auch auszahlen. Der Schulkomplex, der auf mich zukam, war weiterhin leer von Schülern und lag verdächtig friedlich dar. Dahinter erstreckten sich die Schrebergärten. An dem Zaun zu einem der Gärten hielt sich eine Gestalt fest. Ich wollte erst gar nicht zu ihr hinsehen. Aber als ich ihr näherkam, erbrach sich der Mann gleich zweimal. Es schüttelte mich. Es war schon wieder der Schicksalsgenosse und er winkte mich zu sich.
Menschen wie Situationen sind unergründlich. Wir sollten uns vor ihrer Energie hüten. Denn da gibt es welche, die einen mit sich reißen. Ein Band hatte sich bereits um mich gelegt. Mitfühlend kam ich in Versuchung, den Genossen in den Armen zu nehmen, um ihn aufzubauen. Gedankenvergessen trat ich in seine Lache.
„Aydin, warte!“
Woher wusste er meinen Vornamen? War er vorhin auch erwähnt worden?
„Aydin, schau dir diesen rausgeputzten Schulhof an. So sieht heute eine Modellschule. Jenes Gebäude, dass du dort hinten siehst, hatte vor fünfzehn Jahre so nicht existiert. Stattdessen lag hier eine Aschebahn völlig heruntergekommen. Sie verlief bis zum Zaun zu den Gärten…“, tat er, als sei nichts geschehen.
„…Kurz bevor ich hier als Lehrer angefangen hatte,…“
Ich war mir zuerst nicht sicher, ob ich ihn richtig verstanden hatte.
„…hatten ein paar schulbekannte Nazi-Eltern den großen Bruder einer meiner späteren Schüler über die hundert Meter Aschebahn getrieben. Dort vorne hatten sie ihn gestellt und am Bordstein angelegt. Genau hier traten sie ihm das Gebiss aus. Der Stein ist weg. Der große Bruder hieß Mehmet, der kleine Süleyman. Die Namen werde ich nicht mehr vergessen. Den Mehmets wegen dessen zahnlosen Lächelns und den des Zweitklässlers Süleyman, weil er meiner Prüfungsklasse angehörte. Und wegen seiner kleinen, besonders schmalen Fingerchen. Prüfungen sind immer Scheiße…“
Wem sagte er das?! Ich rechnete nach, wie alt mein Genosse sein musste. Auf den ersten Blick hätte er der Lehrer meiner Mutter sein können. Während ich so für mich rechnete, redete er in einem fort, als sei er es gewohnt, dass ihm eh niemand zuhörte.
„…Nicht allen stehen die Türen offen. Eingangstüren, Doppeltüren zu Sporthallen, Schwingtüren, verzierte Holztüren, ominöse Schiebetüren und was weiß ich noch was für welche.“, quatschte er weiter Unzusammenhängendes und wusch sich dabei den Mund ab.
Auch würgte er noch ein paar Mal. Betäubt nahm ich seinen Gestank schon nicht mehr wahr.
„Ich habe das Fach Deutsch geliebt…“
Ich habe es gehasst.
„…In meiner Prüfungsstunde hatten sich die Kinder Geschichten zu verschiedenen Türen ausgedenken sollen. Es gab allerlei Abbildungen, auf denen verschiedene Türen fingerbreit offenstanden und sie sollten die Hinterwelten zu den Türen fantasierten. Die Fantasie von Kindern vollbringt schräge Sprünge. Sie können außergewöhnlich kreativ schreiben. Mein Süleyman trug seinen Text zu einer ornamentalen Tür, die er sich selber ausgesucht hatte, stolz vor:
Meine Geschichte spielt in einer Stadt, die wärmer ist wie Reinickendorf. Der Regen hat keine Lust. In der Stadt gibt es einen Kindergeburtstag und das schönste Geschenk ist ein echter Degen. Sie kämpfen eins gegen vier. Vier Blonde vor der Tür, die von innen verschlissen ist, damit keiner reinkommt. Das Kind mit den schwarzen Haaren allein schaut durch das Schlüsselloch. Es sieht durch sein Auge die neue Degenspitze.“
Der Genosse brachte mich durcheinander. Falls ich mich nicht verrechnet hatte, konnte er nun nicht der Lehrer meiner Mutter gewesen sein, aber dafür der meiner beiden jüngeren Onkel Mehmet und Süleyman. Denn sie hießen genauso. So einen Zufall konnte es nicht geben!
„Es brauchte zu meiner Zeit keiner auf eine Anstellung zu hoffen, der nicht mit Bestnote aus der Prüfung kam. Aber, ob du heute von einer Schulleitung ausgewählt wirst, ist auch keine gemachte Sache. Dort oben im ersten Stock hat die Prüfung stattgefunden, durch die ich geflogen bin…“
Wenn es meine beiden Onkel gewesen wären, hätte ich doch von diesem Vorfall wissen müssen. Warum hätten denn alle in der Familie darüber schweigen sollen? So eine Sprachlosigkeit hätte einfach gar nicht zu uns gepasst.
„…Diese Traurigkeit, diese erschütternde Qualität von Süleymans Text hatte mich damals umgehauen. Wenn es nicht meine Prüfungsstunde gewesen wäre, hätte ich mit den Kindern über seinen Text gesprochen. Stattdessen musste ich feststellen, dass ich vergessen hatte, die Schreibblätter zu lochen. Um jedes mögliches Chaos zu vermeiden, setzte ich alles auf eine Karte. Entgegen meiner Unterrichtsplanung beschloss ich spontan, die Kinder an der Tafel ihre Geschichten aufhängen zu lassen. Als Prüfungsergebnis entstand etwas überraschend eine wunderbare Collage…“
Hatte mein Onkel Mehmet nicht etwa gemachte Zähne?
„…Nur ein Kind wollte nicht mitmachen. Süleyman. Süleyman wollte seinen Text nicht aufhängen. Er hatte sich in den Kopf gesetzt, ihn wegzuheften und mit nach Hause zu nehmen. Um zwei kleine Löcher laut bettelnd stand er mitten in meiner Prüfung, zog die gesamte Aufmerksamkeit auf sich und zog hinter seinem Rücken einen großen, blauen Perforator hervor, den er im Trubel der Hängung unbemerkt aus der obersten Schublade des Lehrertisches gegriffen hatte. Es war ein sehr schwerer, blauer Perforator mit weißem Boden, wie er in jedem Büro bereitsteht. Einer mit Griffmulde wie ein breites Froschmaul, die mit Erwachsenenhand zu fassen ist. Ein übergroßes Ding, das wie Spielzeug darauf wartet, hervorgeholt und aufgezogen zu werden. Damit der Perforator durch die Tischreihen hüpft und jedes Blatt locht. Daher kannten die Kinder ihn. Ich hatte damit gern in der Klasse herumgealbert. Der Perforator locht…“
Warum hätte niemand erzählen sollen, dass ihnen so etwas zugestoßen war?
„…Die Prüfer standen bereits unter der Tür. Ich erkannte, dass auf ihren Gesichtern ein zufriedener, gar freudiger Ausdruck lag. Ich konnte es spüren, dass ich bis dahin alles richtig gemacht hatte. Ich jubelte innerlich bereits. Ich freute mich regelrecht auf das Nachgespräch, war erfüllt von Zuversicht. Im Überschwang und weil mir Süleyman, der kleine Bruder des zahnlosen Mehmets, besonders ans Herz gewachsen war, folgte ich seinem lästigen Wunsch. Ich weiß nicht, was aus Süleyman geworden ist. Ich bin nach der Stunde nicht mehr in die Klasse zurückgekehrt. Süleyman hielt mit seinen dünnen Fingerchen das Blatt fest und half mir auch mit dem Perforator. Aus irgendeinem Grund klemmte der Locher. Er hing fest. Er liest sich nicht zudrücken. Während ich mit der einen freien Hand den Prüfern das Zeichen gab, ihnen sogleich zur Verteidigung ins Rektorat nachzufolgen, presste ich den Perforator mit der anderen Hand mit aller Kraft so, wie ich es auf einen Schlag nur konnte, – zu!“
Er erzählte noch, dass er selber in zwei Deutschlands zur Schule gegangen sei. Seine Eltern hätten sich nach der Flucht bald scheiden lassen. Die Mutter sei ein echter Besser-Wessi geworden und der Vater prächtig auf die Schnauze gefallen. Nach der Wende sei er selber zurück in den Osten, nicht aus Wehmut, sondern eben um ein anderes Land von Beginn an mitzugestalten. Von einem dritten Weg, einem zwischen den großen Wörtern Sozialismus und Kapitalismus, spräche heute keiner mehr. Der Versuch sei es wert gewesen. Nachdem er das neue Land politisch nicht hatte mitgestalten können, hatte er also gehofft, unter den Nachwachsenden etwas zu bewegen. Wirklich alles, was er zu erzählen hatte, klang schrecklich nach Vergangenheit. Endlich waren wir vor dem Tor des Schulgeländes angekommen.
Dann schwieg mein Genosse und ein großes Schweigen legte sich über uns. Er hatte sich tatsächlich gefangen. Er schaute mir erwartungsvoll in die Augen. Seine Augen schimmerten hoffnungslos. Ich wusste nicht recht, wie ich ihm noch weiterhelfen sollte. Ich wusste auch nicht mehr, wie ich mir selber noch helfen sollte. Es schien mir kurz, als sollte ich ihm eine Antwort darauf geben, wieso er sich zu dem heutigen Auswahlverfahren angemeldet hatte, obwohl er nach seiner durchgefallenen Prüfung gar kein Anrecht auf eine zweite Chance gehabt hatte. – Gute Frage! Warum tut man so etwas? Ich überlegte. Es kam mir nur ein Motiv in den Sinn. Genosse, willst du mir beistehen? Ich suchte eilig nach meinem Handy. Irgendwo in der Jackentasche versteckte sich mein Handy. Die Panik, es verloren zu haben, hielt nur einen kurzen Moment an. Es blieb stumm.
© Patrick Schneider, 2022