Die Spritzfahrt

Kurzgeschichte

Ich habe in der Nacht meinen Bruder vom Flughafen abgeholt. In Stuttgart gelandet erwägt er, nicht mehr dorthin zurückzukehren, wo er die letzten Jahre verbracht hat. Nach Südamerika, zuletzt Kolumbien. Jetzt ist er erst einmal bei mir, weil Mama beerdigt wurde. 

Mein Bruder hat sich verändert. Zum Positiven, soweit ich es auf den ersten Blick feststellen kann. Zu müde war er, um groß Worte zu verlieren. Zu meiner Überraschung drehten sich sein Gedanken meist um seine nahe Zukunft, während sein Blick die vorbeiziehende schwäbische Landschaft in der Dunkelheit absuchte. Natürlich ist er immer noch derselbe: Ein Rabauke mit Herz, hübsch, hochsensibel und provokativ. Der große Bruder, wie ihn sich Mädchen ohne einen erträumen. 

Ach, mein Bruder war zeitlebens auch seltsam. Als ich zum Stuttgart Airport fuhr, überfiel mich diese sonderbare Geschichte, die zu vergessen unmöglich ist und die doch so fern gewesen war, wie ausgelöscht. Verdrängt, würde meine Therapeutin richtigstellen. Ich war gedankenverloren über die Vierspurige gerauscht, was mir gewöhnlich nicht passiert. Vor dem Autobahnkreuz kam noch die eine Brücke, unter der fest diese vier Blitzer installiert sind, die in Reih und Glied nur darauf warten, dass man mit überhöhter Geschwindigkeit vorbeirast. Wie ich ihnen in ihre Linsen blickte und ohne nachzudenken auf die Bremse trat, sprang sie mich in einem Geistesblitz an: Unsere gemeinsame Geschichte. Dieser Vorfall hat mich zu dem werden lassen, was mich als Erwachsene heute ausmacht. Ihr verdanke ich leider mein besonderes Talent. Ich kann es nicht anders sagen: Ein zweites Mal traf es mich wie der Blitz vom Himmel. Fast wäre ich vor Schreck einem Mercedes in die Seite gefahren. 

Der Schrecken steckt mir immer noch in den Knochen. Die Frage, wie mir das passieren konnte, dass ich um Haaresbreite einen Mercedes, ausgerechnet auch einen dunkellackierten, rammte, werde ich nicht los. Bela liegt nach seinem langen Flug noch im Schlaf, wenn auch in einem dünnen, im Gästezimmer. Du träumst noch im Halbschlaf davon, nach Berlin zu ziehen. Du hattest schon im Auto eine Vorstellung von der Stadt, wie es sie seit Jahren nicht mehr gibt. Durch deine Tagträume schwirrt die Idee, du könntest auch dort wie auf dem anderen Kontinent als Lebenskünstler über die Runden kommen. Wahrscheinlich hast du ganz recht, es zu wagen. Ich werde dein Vorhaben nicht laut kommentieren.

Die Zwillinge schlummern auch noch. Ihr Vater wird sie um acht Uhr zum Hort abholen. Er weiß, dass er sie auf Punkt acht Uhr mitnehmen muss. Sobald die zwei Wonnebrocken weg sind, kann ich ihn zu unsrer Kindheit ausfragen. Jetzt, da Mama tot ist, können wir das Schweigegebot aufheben, das mich mit all den Gedanken allein ließ. Selbst mit meiner Therapeutin habe ich nicht über sie gesprochen. Im Kern handelt unsere Geschichte von einem Autounfall. Ich war recht jung gewesen, im Grundschulalter, älter als die Zwillinge heute. Bruderherz muss ins erste Jahr des Gymnasiums gegangen sein. 

Ich kann mir jeden einzelnen Eindruck daran in Erinnerung rufen, jedes gesprochene und gedachte Wort. Nicht, wie man sich gewöhnlich an eine Begebenheit erinnert, sondern in der Form eines plastisch begehbaren Raums. Ich kann durch diesen Raum voller Stimmen wandern. Auch kann ich wieder, seit du angeflogen bist, meine eigenen Gedankenfetzen und die aller Anwesenden nebeneinander hören. Die Sprache unserer Gedanken ist noch seltsamer, als du es bist. Sie bringt kaum einen Satz zu Ende und ergibt doch Sinn. Sie sind nie eine konsistente Erzählung. Und ich bin diejenige, die die endlosen Dialoge aus kryptischen Fetzen entziffern und in eine vernünftige Sprache übersetzen muss. Mein interkognitives Gespür, diese unheilvolle Gabe, die mir seit unserem Unfall gegeben war, hat mir später zweifellos auch genützt. Nichts war so einfach wie zu wissen, was die Autoritäten in Schule, Studium und Promotion von mir erwarteten. Mein inneres Hören, wie es nenne, hat mir die beruflichen Möglichkeiten erst eröffnet. Ich gebe es zu, meine Karriere lag auch darin begründet. Bei Vorstellungsgesprächen musste ich nur aussprechen, was sich der Gegenüber still wünschte. Bis du weg warst. Als Bela weg war, war ich mit einem Schlag von der schrecklichen Begabung erlöst. Ich bemerkte, das alles hängt mit dir zusammen. Du bist ganz anders geraten. Dich haben die Erwartungen der Anderen nicht interessieren wollen. Von uns galt mein Bruder überall als das Problemkind. Heute aber kann ich mir eingestehen, dass auch ich mich zu oft am Rand des Abgrundes bewegt habe. Nur eben an einem anderen Abgrund als er. Eine junge Frau, die überall lautlose Stimmen vernimmt, denen sich nicht mal ihr Gegenüber, der sie denkt, ganz bewusst wird, kann das in den Wahnsinn treiben. Aber auch mein Zwang, alles rationalisieren und ordnen zu müssen, hat mir nicht geholfen. Nicht mal als Ingenieurin. Ich bin froh, dass die Zwillinge noch schlafen. In dreizehn Minuten ist es an der Zeit, dass sie aufwachen. 

Wir fuhren mit dem Auto herum ohne ein echtes Ziel. Unsere Eltern gaben vor, sich Häuser anzusehen, um eines davon zu kaufen. Tatsächlich aber war es Mama, die auf die Idee gekommen war, als wir noch sehr klein gewesen waren, die Familie gemeinsam ins Auto zu setzen und ziellos herumzufahren, wenn es daheim in großen Krach ausartete. Auf dem Beifahrersitz nahm sie den Hund zwischen ihre Beine. Mein Vater am Steuer seines Geschäftswagens folgte ihren Richtungsvorschlägen wortlos. Während sie sich beide auf den Verkehr konzentrierten, konnten wir Kinder in Ruhe gelassen aus dem Fenster einem monotonen Film zusehen: Wolken, Bürogebäude, Villendächer am Killesberg, Einfamilienhäuser in Degerloch, manchmal ein Mensch. Wenn der Mensch Mama nicht gefiel, bezeichnete sie ihn als „abartig“. Nur dieses eine Wort. Abartig. Selten noch ein Halbsatz zur Begründung. Sonst blieb es still. Was das gemeinsame Abendessen nicht vermochte, es ermöglichte die Fahrt im Benz. 

Mein Bruder ist jetzt aufgestanden. Wirklich fest schlief er ja nicht. Ein anstrengender Lebensabschnitt liegt hinter ihm. Von Stuttgart aus betrachtet, gleicht es einem Wunder, wie er sich in Südamerika durchgeschlagen hat. Er hatte das Glück, in schwierigen Lebenslagen immer an Frauen geraten zu sein, die es gut mit ihm meinten. 

Die letzten Monate hat er in Cartagena verbracht. Er hatte seine Freundin, eine doch ehrliche Kolumbianerin aus Calí, im Süden des Landes sitzenlassen, hatte sich ein Busticket besorgt und war an die Karibikküste abgehauen. Aus Cartagena habe ich eine Postkarte von ihm am Kühlschrank hängen. Darauf notierte er mir gleich nach seiner Ankunft seine neue Anschrift und grüßte mich lieb – ausdrücklich nur mich. Das Cartagena auf der Postkarte ist eine karibische Piratenstadt hinter historischer Fassade. Einst in einer Bucht versteckt, liegt sie auf der Postkarte heute direkt am Meer. Immer noch sind die bunten Gassen von einer kolonialen Stadtmauer eingehegt. Außerhalb der Mauer schließt das alte Sklavenviertel an. In Gestemaní, der heutige Ausgehmeile, war er wieder mal als Rezeptionist in einem Hostel untergekommen. Von dort konnte er morgens an die Nehrung joggen, entlang der wüsten Stahlglastürme, die sich am Meer aufreihen. Tag ein, Tag aus ist es schwül, 365 Tage im Jahr scheint die Sonne und regnet es von fünf bis sieben Uhr abends, bis das Tageslicht zur immer selben Stunde verschwindet. In Cartagena landen die Touristen aus Florida und hierhin retten sich über die nahgelegene Grenze die Mädchen aus Venezuela vor Elend und Hunger. Wenn es Nacht ist, stehen sie sich innerhalb der Stadtmauer auf den historischen Plätzen die Beine in den Bauch. Es sind hübsche Frauen darunter. Liebe, traurige, hoffnungslose Prostituierte, von denen sich mein Bruder mit zweien auf eine Bekanntschaft einließ. Man sagt dieser Hafenstadt nach, Hauptumschlagsplatz für das Kokain zu sein. Hier liegt auch die kolumbianische Marine. In diesem halben Jahr hat mein Bruder wohl mehr erlebt, als ich in meinem gesamten Leben. So viele Ereignisse, über die er nicht spricht und von denen jedes einzelne in der Fülle untergeht. 

Ich lasse ihn erstmal den roten Reiserucksack auspacken, bevor ich ihn zu seinen Überlegungen zu seiner Zukunft befrage. Was er mir von den detaillierten Plänen für die kommenden Monate erzählen wird, interessiert mich schon. Er hat sich tatsächlich viel vorgenommen. Vielleicht zu viel. Aber das sind seine Vorstellungen, nicht meine. Ich habe Jahre gebraucht, um mich vom Unausgesprochenen meines Gegenübers abzugrenzen. Ungeduldig bin ich nur, was unsere gemeinsame Geschichte betrifft, und zu der er bis hierhin noch keinen einzigen Gedanken verloren hat. Sie kann ich nicht warten lassen, bis wir abgeholt werden. 

Mit Leyda, seiner Freundin aus Calí, hielt er es sage und schreibe dreihundertachtundachtzig Tage aus. Die längste Zeit an einem Ort in Kolumbien und in Südamerika überhaupt verbrachte er in Salento, mit ihr. Ich weiß noch, nach zwei Jahren Irrfahrt durch den Kontinent hatte er mir ein Foto von sich und Leyda geschickt, weil es zum ersten Mal etwas Ernstes sei. Eine junge, schlanke Frau, ein freundliches Gesicht mit einer etwas knolligen Nase. Natürlich langes, schwarzes Haar. Er war ihr in diesem Touristenstädtchen in der Kaffeeregion, weit im Landesinneren, an einem trögen Sonntagmittag über den Weg gelaufen. Leyda war mit ihrer besten Freundin und den Hunden, zwei Kläffer, unterwegs gewesen zu den Wasserfällen, als er sie den Weg nach einer Kaffeeplantage fragte. Sie nahmen ihn mit. Auf dem Weg sprang das Militär aus dem Gestrüpp und durchsuchte die drei. Als sie unter den eiskalten Wasserfall tauchten, glaubte Leydas Freundin, im Dickicht Guerillas zu erspähen. 

Später haben Leyda und er in Salento gemeinsam eine Hütte bezogen und, weil das Geld für den Kredit nicht ausreichte, einen jungen Venezolaner, vor dem Exil eines Zeichens Buchhalter, der nun in einem Café servierte, zur Untermiete genommen. Für mich war das eine Bruchbude mit Wellblechdach. Für die drei war es ein eigenes Heim aus Stein. Da gab es zwei Schlafkammern, Bad und den Eingangsbereich, in dem bereits eine Kochnische mit richtigem Spültisch eingebaut war. Die unverputzten Wände strichen mein Bruder und seine Freundin selbst. Die gelbe Farbe kostete umgerechnet fünfundzwanzig Euro fünfzig. Nach zwei Tagen war sie getrocknet. 

Vorhin hat mein Bruder davon geträumt, wie Leyda sechs Tage die Woche gegen 5.30 Uhr den Bus nach Pereira nimmt, um rechtzeitig zu ihrer Ausbildung zur Konditorin zu kommen. Der Bus kam auch im Traum viel zu spät. Erst mit Einbruch der Dunkelheit kehrte sie nach Hause zurück. Später einmal wollte Leyda ihre gemeinsame Hütte zu einem Café umbauen. Sie wollte, enthusiastisch wie sie war, den Touristen den allerbesten Kuchen der Region anbieten. Sie hatte Zukunftspläne. Aber Bela wurde dieser Weg zu beschwerlich. Denn trotz seiner wiederholten Bitten überwiesen die Eltern schon länger keinen einzigen Euro mehr und er musste sein Auskommen zu den landesüblichen Hungerlöhnen verdingen. Im Wachwerden fragt sich mein Bruder, was Leyda jetzt wohl in Calí treibt. Dorthin ist sie nach ihrer Trennung zurückgekehrt. Auch erinnert er sich auch an den Pfad zum Hostel auf der anderen Talseite von Salento. In dem frisch fertiggestellten, mehrstöckiger Holzbau arbeitete er Schicht. Zwischen zwei Bananenstauden stand die Rezeption, checkten die Backpacker ein, wurden von ihm abkassiert, wurden die Abläufe der Putzfrauen und der Küchenpersonals koordiniert, Touren zu Parks und Plantagen geplant. Die restliche Zeit las er, kiffte, kokste und betrank sich gern mit den Gästen. Wie er es schon zu lange zu tun pflegte. Abends holte ihn Leyda gern ab, um mit ihm die Stiege am Kopf des Städtchens hinaufzuklettern. Von dort oben blickte das Pärchen auf die paar elektrischen Lichter inmitten des endlosen Dickichts. Was konnte man in diesem Cowboynest mit seinen Steinhütten entlang der Fluren und seinen Planstraßen auch anderes tun, als sich gegenseitig Sandschlösser von einem künftigen Leben zu erzählen, das nicht eintreten werde? Mein Bruder hat recht. Er meint, sein Leben war dort zum Scheitern verurteilt. Die Hunde bellten durch die Nacht. Der schwarze Regenwald im Rücken regte sich und es zirpte in einem fort. Bis sich schlagartig alle zirpenden Insekten verabredete, minutenlang in Totenstille auszuharren. Dann setzte wieder ein erstes Grätzens ein und alles Getier sprang auf, um einen Lärm zu veranstalten, der mit der Nacht verschmolz. In der Gefahr, von Tier und Guerillas attackiert zu werden, hätte ich es nachts da oben nicht einen Moment ausgehalten. Tatsächlich aber wird es in Salento fern der Kurzaufenthalte der Touristen bald eintönig. Am Ende ging ihm das Abenteuer ab. Außerdem, so vernehme ich es, hatte er es dort vor allem ausgehalten, weil er nur dank Leydas Unterstützung in Kolumbien bleiben konnte. 

Mein Bruder, jetzt hast du die Badtür hinter dir verschlossen. Bitte lass alles so stehen und liegen, wie du es vorfindest! Du bist noch durch den Wind. Du bist nicht in den Tiefschlaf gekommen. Ich lasse mir deine Wäsche aus dem Rucksack vor die Waschmaschine legen und lasse dich zuvor jedes Kleidungsstück einzeln ausschütteln. Aus dem Fenster! Denn ich gerate in Panik vor diesem südamerikanischen Getier; vor einer Spinnenattacke oder einem giftigen Frosch, der sich in einem deiner Shirts, in deinen Badeshorts versteckt. Du lachst, denn überlebt hätte den langen Flug nichts. Aber mich nagt die Angst, du würdest aus meinem Bad dein Südamerika machen. Getier, Dreck, Unordnung. Und, nein, Turnschuhe kommen nicht in meine Waschmaschine. Bela, knall die Klappe der Maschine bitte nicht zu. 

Ja, mache es wie mit einer Autotür. Die schlägt man auch nicht zu. Von Chile bis Kolumbien schiebt man eine Autotür sachte ins Schloss und unser Vater war auch stets darauf bedacht, dass wir die Türen seines Mercedes behutsam schlossen. Seinen Geschäftswagen bezeichne rückblickend sogar ich als scheckheftgepflegt. Bevor wir ihn besteigen durften, klopften sie unsere Schuhe ab. Selbst wenn wir nur den kurzen gepflasterten Weg von der Haustür bis zur Garage gekommen waren. Einen kurzen gepflasterten Weg, den er jedes zweite Wochenende abzusaugen pflegte. Weswegen sie uns überhaupt wieder und wieder ins Auto setzten, worüber sie sich ständig stritten, brachten wir damals nicht in Erfahrung. Immer öfters, bevor bei ihr Tränen flossen, Türen knallten, das eisige Schweigen sich über uns alle legte, griff auch unser Vater die Idee der Spritzfahrt auf. Dann hieß es wieder ein neues Haus zu kaufen. Nach dem Unfall las ich in Mamas Gedanken von ihrem wahren Interesse an manchen Häusern. Hinter deren geputzten Fassaden konnte sie sich ein passgenaues Familienleben zurechtkomponierte, in dem ihr Druck und ihre Unzufriedenheit mit dem Hausfrauendasein verschwunden waren. Eines jedoch, das sich samt seiner Harmonien zwangsläufig bei der kleinsten erdachten Unstimmigkeit in Luft auflöste. 

Mama ist vor sechsundzwanzig Tagen verstorben. Seit vergangener Woche hat sie über sich einen schlichten Grabstein. Wenn sie sehen würde, wer tagsüber an ihrem Grabstein vorbeigeht, würde sie ächzen: Abartig. Als sie die Familie in den Benz setze, legte sie zu uns eine dunkelgrüne Decke, mit der wir es uns kuschelig machen sollten. Aber die Decke war bald ein Zankapfel. Mein Bruder und ich zogen an ihr schon auf dem Weg zum Auto. Solange, bis es zur Regel wurde, dass es sich erst der eine und dann die andere allein unter der Decke gemütlich machen durfte. Wie gesagt, mein Bruder war schon etwas älter. Peinlich war es ihm, mit den Eltern im Auto zu hocken. Fremdbestimmt hatte er auf der Rücksitz Platz zu nehmen und hatte dorthin mitzufahren, wohin die Eltern entschieden. Unter der Decke vergrub er sich dann mit seinem Buch und lugte, um nicht entdeckt zu werden, durch einen Spalt hervor, die vorbeirauschende Welt zu beobachten. Viele Fahrten verlor er sich in dem Buch einer Kinderbande fern der Eltern. Den Titel wie das Buch selbst hat er inzwischen ganz vergessen. Allein im Auto las er es gleich dreimal hintereinander weg. Ich spielte meist mit Papas privatem Smartphone.

Sie hatten schon lange ihre Sorgen mit Bela. Direkt mit den ersten Zensuren in der Grundschule blieb er hinter den Erwartungen zurück. Später erhielten sie Anrufe vom Schulrektor, weil er Mädchen schlug. Mit dem Wechsel auf das Gymnasiums wurden sie von seiner neuen Klassenlehrerin zum Gespräch gebeten, weil er sich während des Unterrichts obszön berührte. Und auch seine Mitschülerinnen betatschte. Angeblich versuchte er, zwischen ihre Beine zu gelangen. Auch wenn sie im Gespräch mit der Schule die Nerven behielten, zuhause herrschte Alarmzustand. Mama schrie in Panik versetzt: Pervers. Und unter Tränen: Abartig! Hysterisch stürzte sie sich erst in Anklagen und schließlich in wortlose Verzweiflung. Da gab es Tage, die sie ganz im Bett blieb. Wenn unser Vater von der Arbeit kam, begann zumindest wieder das schrille Gekreische. Am Ende saßen wir gemeinsam im Auto. 

Der Unfall muss sich an einem Samstag zugetragen haben. Denn es passierte morgens, als die Eltern mal wieder ein Haus kaufen fuhren. Mein Bruder verschwand mit seinem Buch unter der dicken Decke. Er klemmte sie zwischen Lehne und Kopfstütze zu einem Zelt. Durch den Schlitz, den er ließ, erspähte er Lastwagenfahrer und Logistikzentren. Dann zog er sich die Hose runter und begann sich am Glied herumzuspielen. „So ein kleiner Penis!“, schrie Mama durchs Treppenhaus, nachdem die Klassenlehrerin darum gebeten hatte, mit Bela über die Vorkommnisse in der Schule zu sprechen. Und: Abnormal, abartig! Unter der Decke von der Außenwelt abgekapselt massierte er an seinem noch unausgewachsenem Glied herum. Das hatte er bis zu der besagten Fahrt schon ein paar Mal arglos getrieben. Er hatte daran gerieben, bis er es letztlich zu einem kindlichen Orgasmus brachte. Noch gab es keine Schambehaarung. Noch wusste er auch nicht, was eine Ejakulation war. Ohne Konsequenz probierte alles Mögliche aus. Er rieb, er knetete, solange es ihm Spaß bereitete. Unter der Decke war er nicht mehr mit uns im Auto eingepfercht, sondern sehr weit weg. 

Nichts schmeckt. Vor dreiundzwanzig Minuten hätte ich das Frühstück zu mir nehmen sollen. Jetzt wären die Zwillingen an der Reihe. Aber ich habe sie nicht geweckt. Nicht mal ihr Brei steht bereit. In spätestens elf Minuten wird ihr Großvater mehrmals herrisch klingeln, um mich und seinen Sohn zum Grab mitzunehmen. Die Zwillinge werden nicht abgeholt sein, wenngleich die achtundvierzig Stunden jetzt schon abgelaufen sind. Ich werde mehr als nur eine Notlüge ihres biologischen Vaters zu hören bekommen. 

Lange Zeit akzeptierte Mama das Versteckspiel ihres Sohnes. Noch gab sie sich damit zufrieden, dass Ruhe herrschte. Dieses einmalige Schweigen erlaubte es ihr, sich in ihre vielen ungelebten Familienentwürfe hineinzufantasieren. Doch je weniger Fassaden sie inspirieren konnten, desto heftiger stieß sie sich an der dunkelgrünen Zeltdecke, die hinter ihrem Sitz gespannt war. Für sie glich es einem Protestcamp. Bald würde sie es nicht mehr hinnehmen. Aber noch verkniff sie es sich. Sie biss sich auf die Zunge. Bis zu dem besagten Tag. Wir fuhren auf der Autobahn von Fellbach in Richtung Zentrum, unweit der Baustelle des Mercedes-Benz-Museums. Wir fuhren regelmäßig zu schnell. Unser Vater fuhr gern auf, was ihre natürliche Unruhe nur noch verstärkte. Da konnte sie nicht mehr an sich halten. Regelrecht angekotzt war sie, dass ihr bockiger Sohn die mühsam hergestellte Eintracht boykottierte. Immerzu verweigerte er sich allem. Just als mein Bruder zum ersten Mal in seinem Leben, und damit hatte er wahrlich selber nicht gerechnet, unter der Decke zu seiner eigenen Überraschung wie ein ausgewachsener Mann kam, zog sie ihm in der Explosion ihrer Wut das Zelt weg. Blank saß er darunter und sein Ejakulation spritze zu ihnen nach vorn. Mama schrie wieder wie angestochen. Unser Vater verlor die Kontrolle. Kein Fahrassistent übernahm. Ich sah die Tröpfchen schießen, wie Teilchen auf der Lederverkleidung um den Schalthebel landeten. Sah zu, wie wir in der S-Klasse erst gegen die Leitplanke schlierten und im Gegensteuern einen grauen Transporter tuschierten. Es sprühte Funken. Wir wurden gestoßen, bis es krachte, knallte, als entlud sich ein Monster aus Blech über uns. Wir drehten uns von der Fahrbahn. Ich erblickte das weiße Fleisch meines Bruders, beim genauen Hinsehen zum ersten Mal in meinem Leben eine hart gewordenes Glied. Ich war ganz erstaunt darüber, das etwas da rauskam. Ich verstand intuitiv, dass er nicht in den Geschäftswagen pinkelte, sondern etwas Dubioses vor sich ging. Wir wurden auf die Seite gedrückt, überschlugen uns beinahe und kamen wie vom Unheil ausgekotzt auf einem unbestellten Acker auf allen Vieren zum Stehen. 

Vater zog uns aus seinem restlichen Mercedes. Seine Sorge galt uns wie seinem Luxuskarosse, die im Nachgang von der Versicherung als Totalschaden eingestuft wurde. Ich habe noch im Ohr, wie ein PKW dem anderen auffährt. Der Autobahnverkehr kam gänzlich zum Erliegen. Ich rannte durch die liegen gebliebenen Autos auf das Zwischengrün und hielt mich an der Schutzplanke fest. Mein Bruder war auf der Weite des Ackers zu einer sprachlosen Salzsäule erstarrt. Blitzschnell reagierte Mama. Sie redete, ihn schüttelnd, auf meinen Bruder ein und instruierte auch unseren Vater. Mich ließ man machen. Auf der entgegengesetzten Fahrbahn verglich ich die gaffenden Gesichtsausdrücke, die mich im Schritttempo passierten. 

In Südamerika hat mein Bruder sehr viel Glück gehabt. Noch Tags vor seinem Abflug wäre es beinahe um ihn geschehen. Wenn er Geld überhatte, ging er zum Mittagsessen ins historische Zentrum, in eine Bar unweit der Universität. Davor vertrieb er sich regelmäßig die Zeit in den mit Palmen begrünten Arkaden des barocken Universitätsinnenhofs. Dort döste er auf den Holzbänken und hielt sonst unter den Grüppchen der Studentinnen Ausschau nach einer neuen Freundin. Er brauchte ja eine. Manchmal schaute er den Theaterproben der Studenten zu, die in einer Arkade von einer Palmenreihe abgeschirmt stattfanden. An seinem letzten Tag las er dort in Kurzgeschichten von Márquez. Als ihn der Hunger rief, packte er zusammen und machte sich hinüber in die Eckbar. Dort nahm das einfache Volk an den blauen Tischen sein Mittagessen sein. Fisch, Hähnchen, Bier. Üblicherweise aß er allein an einem Tisch, denn zu einem blonden Gringo setzen sich die Einheimischen nicht. Er blieb trotz seines perfekten Straßencastellano aus drei Jahren Südamerika doch ein Fremder. Aber bei seinem letzten Mal waren alle Tische belegt. Als er schon wieder gehen wollte bot ihm ein Halbseidener, der ihn beobachtet hatte, einen freien Stuhl an. Anschließend nahm er ihn erst auf einen Kaffee mit und dann zum Baden auf seine Yacht. Von der Yacht ist mein Bruder, als dieser Kerl, Jhon nannte er sich, ihm erigiert näherkam, Hals über Kopf ins Wasser gesprungen und die vier Kilometer ans Ufer zurückgeschwommen. Er hätte von Haien gefressen werden können. Oder von diesem Gangster vergewaltigt. 

Sie hat über die Jahre mehrmals nach dir gerufen. Das waren Momente, die sie als ihre schwächsten bezeichnete, wenn die Mutterliebe den Schutzwall vor dem Schmerz aufbrach. Als an dem einen Nachmittag sie ein Hirnschlag vom Stuhl fallen ließ, dachte sie nicht mehr an dich. Sie erschrak sie nur noch darüber, sich an den Raspeln der Schwarzwälder Kirsch zu verschlucken. Was dir in den Kopf schießt, wenn du an sie denkst… Ich erspare es mir. Trotzdem hast du dir ein One-way-Ticket von deinen letzten Ersparnissen gekauft. Du hattest erst zwei Wochen hin und her überlegt, ob jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen sei, die Zelte in Kolumbien ganz abzubrechen. Dann sagtest du dir, sie hätte nun für dich einen Platz in Europa freigemacht. 

Für den herbeieilenden Polizisten, der die Vernehmung leitete, bot sich ein Bild des Schreckens. Mehrere ineinander verkeilte Karosserien und eine schwarze S-Klasse, die fünf Meter vierunddreißig von der Fahrbahn entfernt zum Liegen gekommen war, offensichtlich Totalschaden. Aber auf den zweiten Blick murmelte der Polizist in sich hinein: Alles halb so schlimm. „Halb so wild“. Das war der erste Gedanken eines Anderen überhaupt, den ich vernahm. Er kam zu mir hinüber und führt mich an der Hand zum Rest der Familie. Da bereits Sanitäter eingetroffen waren, aber keine Verkehrsteilnehmer ernsthaft körperlich verletzt worden waren, konnte er sich sogleich an die Befragung machen. Wie aufgesagt wirkten Vaters Worte auf ihn, auch wenn er unserem Vater Glauben schenken wollte. Warum auch sollte jemand vorgeben, am Steuer eingenickt zu sein, hörte ich den Polizisten kombinieren. Immerhin bestätige die Ehefrau dessen Aussage vom Sekundenschlaf. Das Sonderbare war einfach dieser Junge. Starr hielt der seine hochgezogene Hose fest. Als er ihn ansprach, wurde jegliche Aussage durch die beiden Elternteile unterbunden. Unentwegt redeten sie dazwischen. Warum sollte ein Zehnjähriger nicht berichten, was er gesehen hatte?, suchte der Polizist nach einer Antwort. Eben nur, wenn das Kind am Hergang beteiligt gewesen wäre! Er versuchte es nochmals. War der Bub nun ein Großer, der reden konnte, schon erwachsen oder noch ein Schoßkind, das keine Antwort auf die Frage eines Polizisten geben durfte? „Ein Kleinkind“ keifte Mama den Ordnungshüter an, so wie ich dich jetzt anschreien möchte, weil du alles durcheinander bringst und weil du die Zwillinge aus dem Bett am Bad vorbei direkt in die Küche führst. Aber ich lasse euch machen. Mama, warum hast du uns verlassen!? 

Mein Bruder, Bela, dir kommt wieder der Gedanke auf, ich sei unfähig zu einem selbstständigen Leben als Frau und Mutter. Soll ich dir darauf ungefragt antworten, dass ich alles in meiner Macht Stehende unternehme, den Alltag zu bewältigen? Soll ich mich zur Närrin machen? Es gelingt mir sogar anzunehmen, dass die Zwillinge sechszehn Minuten nach Ablauf der achtundvierzig Stunden abgeholt werden. Aber unerträglich bleibt es doch! Du hast die Zwillinge sogar umgezogen, nachdem du sie hattest schreien hören und mich regungslos auf dem Wohnzimmerteppich hattest liegen sehen. Obwohl sie überschlafen sind und du nicht ihr Vater bist, beruhigen sie sich. Viellicht weil ihr alle Männer seid. Ihr Vater wird ja gleich bei ihnen sein. Ich kann schon seine Ausflüchte vernehmen. Überpünktlich klingelt auch unser Vater an der Haustür. Nervös dreimal. Er hat sich kaum verändert, alles muss nach seinem Kopf gehen. Nur so hilflos ist er in den vergangenen Wochen geworden. In drei Stockwerken wird er auf dich treffen. Er hat sich vorgenommen zu schweigen. Seine Gram soll dich strafen. Mein Bruder, warum hörst du nur nicht meine Gedanken?! Ich steige mit euch in kein Auto mehr.

© Patrick Schneider, 2022