Altpapier

Kurzgeschichte

Ich wollte immer ein eigenes Archiv der Kuriositäten anlegen, eines in der Tradition des barocken Kabinetts. In meinem Archiv würde ich auch aufbewahren, was ich hier durch den Reißwolf jage: diesen Brief, den jemand von Hand aufgesetzt hat… Von einer Hand, die nur selten schreibt, aber hierbei sich alle Mühe und Zeit gibt. Der Verfasser nimmt wohl an, die Aura einer Handschrift könne mich einfangen. Oder sind im Gefängnis Laptops nicht erlaubt? Auf den Brief folgen ein mehrseitiges Manuskript und die notwendigen Formulare unserer Universität, vollständig ausgefüllt und ordentlich beigelegt. Im Ganzen korrekt, vielsagend und doch bei genauer Betrachtung perfide. 

Denn unter dem Vorwand, bei mir promovieren zu wollen, liegt die Absicht, mich zum Komplizen machen zu wollen. Die handschriftliche Abfassung suggeriert, Brief und Manuskript seien Unikate. Sie seien nirgends digital gespeichert. Sie wären nur für mich bestimmt und es sei ganz mir überlassen, über ihre Verwendung zu entscheiden. Was ich von alldem halten? Es mutet einerseits absonderlich wie extremistisch an, dass sich jemand auf diese Weise erklärt, und  andererseits sind sowohl die Ausführungen des Verfassers, als auch seine Tat selbst symptomatisch. Deswegen hätte diese Post ihren Platz in meinem Kuriositätenkabinett verdient gehabt, das es leider nicht gibt. Der Reißwolf surrt. Da geht die ganze Schreibarbeit dahin… 

Lieber Herr Prof. Michaelis,

Ihr Channel hat mich auf Kryptos und Der Framing-Effekt aufmerksam werden lassen, deren Lektüre mich sehr inspiriert habt. Ich lege Ihnen hier mein Exposé bei mit der Hoffnung, es unter Ihrer Betreuung zu einer Doktorarbeit zu erweitern. Mein Abschluss in Sozialwissenschaften liegt zwar einige Jahre zurück und ich bin wie Sie in der Zwischenzeit eher zu einem Mann der Erfahrung gewachsen als zu einem des Elfenbeinturms. Trotzdem bleiben einige Entwicklungen erklärungsbedürftig und, wo eine Erklärung ist, kann auch  Ratschläge geben werden, wie Sie es in Ihrem Channel so eindrucksvoll vorführen. 

Ich habe in den letzten Monaten viel Russische Literatur gelesen. Ich stelle mir nun vor, wie Sie den Brief in den Händen halten. Die Szene gleicht einem Romananfang Dostojewskis. Der große Knall ist bereits eingetreten und die verbleibende Zeit wird von den Protagonisten dazu genutzt, sich mit ihrem Tun und Wesen in einer post-apokalyptischen Welt zurecht zu finden. Die Gegenwart gleicht einem Jüngsten Gericht, bei dem niemand sagen kann, nach welchem Geboten und Gesetzen gerichtet wird. Entweder man windet sich verzweifelt in jede erdenkliche Richtung (geht mit den Moden) oder man wirft alles in die Waagschale. 

Ich möchte mich dazu bekennen, dass meine aktuelle Situation eine besondere ist. Ich war Ihrem Gedankenexperiment aus Folge 43 gefolgt und habe mit einem Kredit in siebenstelliger Höhe auf den Kurssturz der Borussia Dortmund-Aktie gesetzt. Für den Versuch, den Kurs zu beeinflussen, indem ich den Mannschaftsbus mit dem versammelten Team in die Luft jagte, wurde ich mit einer vierzehnjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Die Splitterbombe zündete um eine lange Sekunden zu früh. Das Team kam mit zwei leichtverletzten Spielern, einem beschädigten Bus und dem Schrecken davon. Als wäre nichts geschehen, wurde das angesetzte Spiel, zu dem die Borussia unterwegs gewesen war, noch am selben Abend ausgetragen und ich verlor meine zwei Einsätze: Geld und Lebenszeit. Sicherlich werde ich wegen guter Führung vorzeitig entlassen. Da ich die Strafe aber gerade verbüße und Sie nicht persönlich sprechen kann, würde sich unsere Korrespondenz auf die Briefform konzentrieren müssen. Ich hoffe nun, das Exposé kann Sie insoweit überzeugen, dass es meine Umstände vergessen lässt und Sie als Doktorvater mich annehmen. 

Mit freundlichen Grüßen 

PROJEKT

Meine Großeltern haben zeitlebens in Schwerte, einer Gemeinde im Kreis Unna, an der Grenze zu Dortmund gewohnt. Oberhalb von Schwerte liegt das Fußballstadion der Borussia Dortmund. Wenn der Wind richtig stand, wehte er die Siegesschreie bis zum ihrem Haus herüber, in dessen Garten ich unter dem Pflaumenbaum die fernen Rufe vernahm. Das letzte Mal, dass ich in Schwerte gewesen war, begleitete ich meinen Vater an einem sommerlichen Vormittag zu der dortigen Sparkasse, um finanzielle Angelegenheiten zu regeln. Als frühpensionierter Bankangestellter verwaltete er die Finanzen seiner Eltern und hatte nach ihrem gemeinsamen Ableben letzte Transaktionen anzuweisen. 

Draußen knallte die Sonne und ich sah mich im Schalterraum der Sparkasse um, solange mein Vater im Gespräch mit einem Berater in einem der Büros verschwunden war. Auf den ersten Blick war alles unscheinbar. Wenn an diesem Ort überhaupt etwas bemerkenswert erschien, dann seine in die Jahre gekommene Innenarchitektur. Die niedrigen Decken verdunkelten den Raum des Foyers. Das schwere Holz der altmodischen Schaltertheken schluckte das restliche wenige Licht. Die Schalter durchschnitten den Raum in zwei Hälften. Die eine Hälfte war den Kunden überlassen, die andere der Arbeitsraum der Angestellten, die in irgendwelche Büros verschwunden waren. In diesem tristen Foyer, in dem ich mich alleine aufhielt, als sei es keine Bank, sondern eine Museum, war auch eine nicht weniger armselige, temporäre Ausstellung untergebracht. Ich hatte erst mehrmals ab- und abschreiten müssen, um sie zu entdecken. Ein paar Stellwände und Vitrinen waren in eine Ecke gedrängt und zeigten zum 120sten Jubiläum der Schwerter Sparkasse historische Abbildungen der Filiale und präsentierten hinter Glas ausgediente wertlose Geldscheine, alte Sparbücher, Sparbüchsen, skurrile Rechenmaschinen und anderes veraltetes Arbeitsgerät, als seien es Kostbarkeiten. Die Ausstellung kannte nur diese eine Sparkasse in der Provinz, in der mein Vater einst seine Karriere begonnen hatte. Doch ungewollt dokumentiert sie auch, was von viel größerer Bedeutung war und ist, und weckte augenblicklich meine Verständnis für das, was uns als Menschen macht: der Bankschalterraums, in dem ich mich selbst in diesem Moment befand.

Die Veränderung der Schwerter Sparkasse, die ich auf den paar Fotografien in den Blick bekam, bestürzte mich. Andere Räume veränderten sich in kurzen hundert Jahren überhaupt nicht, wusste ich. Beispielsweise blieb die Arena, in der heute Fußballspiele ausgetragen werden, über 2300 Jahre nahezu unverändert. Nur ihr Look und ihre Medientechnik wurden mit den Moden getauscht. Nicht so die Bank. Die Fotos an den Ausstellungswänden dokumentierten den strukturellen Wandel dieses Innenraums des Kapitals ganz deutlich. Ich sah es mit eigenen Augen, dass sich in den abfotografierten Schalterräumen manifestierte, was sonst nur abstrakt und übersehen blieb. Unsere ganze moderne Welt war hier verdichtet: Wie sich Geld bewegt und wie sich Menschen dazu verhalten; welche Existenzform die Menschen in dieser modernen Welt annehmen und, wie sich verändert hat, was man unter conditio humana versteht. All diese Zusammenhänge konnte man auf den lieblos gehängten, vergilbten Fotografien studieren. Wie ich mich im Glas der Ausstellungsvitrinen spiegelte und ich dabei längst vergessen hatte, dass ich eigentlich auf jemanden wartete, war auch mein ganzes subjektives Selbstverständnis offenbart. Ein Mensch, eine Person, ein Subjekt unterliegt dem Wandel, so wie er, sie oder es die Absicht verfolgt, dass Geld zu ihm kommt. Ich würde sogar so weit gehen, zu behaupten, dass Eltern sich mit unserer Geburt darum sorgen, dass später mal Geld zu uns als Erwachsene kommt. Ja, dass wir darauf bestens vorbereitet sind.

Ich schritt die poplige Sparkassen-Ausstellung nervös ab. Ein weiteres Mal umkreiste ich sie dann peinlich berührt und überprüfte, dass mir niemand dabei zusah, wie ich mich immer heftiger in sie vertiefte. Rasch hatte sie mich mit Haut und Haaren in ihrem Bann. An der Oberfläche einiger Fotos las ich, wie die frühe Umstellung von Kontogeld auf Kreditgeld dem Bankenfoyer einen architektonischen Wandel aufgedrängt hatte. In mehreren architektonischen Schritten, die allesamt schon wieder veraltet sind, gelangte das neue Geld immer stärker zur Entfaltung und bereitete sich den Weg zu seiner vollendeten Wirkungsweise, der wir heute ausgesetzt sind.

Vor 120 Jahren hatte mein Ururgroßvater, den ich von einem Foto kenne, in der westdeutschen Kleinstadt Schwerte die Sparkasse an jener Stelle betreten, an der sich nun die Ausstellung befand, um als Kontoinhaber seinen Verdienst einzuzahlen oder die Einlage abzuheben. Er trat mit einem Sparbuch an den Schalter, auf dessen andrer Seite ein Bankangestellter hinter Gitter und später hinter Sicherheitsglas wartete, um ihm jene Summe auszuzahlen, die durch das Sparbuch gedeckt war – unter dem Vorbehalt, dass die Filiale die Summe in bar vorrätig hatte (hatte sie, denn er war ein einfacher Buchhalter gewesen). Beide, mein Ururgroßvater und der Angestellte, konnten sich durch das Glas ansprechen und Blicke austauschen, aber sie konnten sich nicht die Hände schütteln. Körperlich und haptisch waren Sie voneinander getrennt. Der Schalterraum bestand de facto aus zwei separaten Räumen. Dazwischen herrschte Misstrauen.

Der Kontoinhaber konnte nicht hinübergreifen, weder um dem Angestellten die Hand zu reichen, noch um ihm körperliche Gewalt anzutun. Denn der eine Raum war dem Bargeld und jenen, die es zu schützen hatten, vorbehalten und der andere Raum diesen Subjekten, vor denen das eingelagerte Geld potenziell zu schützen war. Die Grundannahme des Geldinstitutes war es, dass alle, die den Schalterraum betraten, potenzielle Diebe waren, die nach dem Tresorinhalt trachteten.

Über Jahrzehnte hinweg fielen die Barrieren. Seit den 1990er Jahren werden Ein- und Auszahlungen an Geldautomaten im Vorraum oder unter freiem Himmel getätigt, wo die Geldautomaten regelmäßig aufgesprengt werden, und der ehemals zweigeteilte Schalterraum – nun vom Diktat des Misstrauens zwischen Angestellten und den Anderen befreit – wuchs zu einem großen bargeldlosen Foyer an. Wer heute also ein Bankfoyer betritt, findet sich augenblicklich in einem geöffneten Raum wider. In einer Lounge, ohne Hindernisse. In der Lounge nun wurde jeder Eintretende als Kunde wertgeschätzt, der bekommen soll, was die Bank zwar selbst nicht besitzt, aber eigens für ihn aus dem Nichts schöpft.

Eine Lounge war auf den Fotos der kläglichen Ausstellung in der Schwerter Sparkasse natürlich nicht zu sehen. Ein solches Foyer müsste in Schwerte erst noch einziehen… Es war mein Vater, der mich aus der Versenkung eines Museumgängers riss, und wie aus dem Nichts meine ersten Überlegungen, die von den Fotos an den Stellwänden ausgegangen waren, kommentierte: Seine ehemalige Kollegin aus den Lehrjahren, bei der er soeben seine Geschäfte erledigt hatte, habe ihm berichtet, die Sparkasse würde im kommenden Monat für einen Umbau geschlossen. Nach dem Umbau seien hier richtig Geschäfte zu machen, sagte er mir noch in seiner typisch selbstzufriedenen, gestrigen Art und doch in hoffnungsvollem Ton.

Ich fasse kurz zusammen. Die architektonische Veränderung von Banken und unseres Verständnis von Dasein vollzog sich offensichtlich mit der Einführung von Geldautomaten. In deren Folge konnte die Aufgabe des Bewachens und der misstrauischen Musterung der Kunden vom Angestellten an die Überwachungskamera übergeben werden. Doch schon vor der Einführung des Geldautomaten – bereits in den 80er Jahren – kam es zu einer schrittweisen Egalisierung des Schalterraums. Nachweislich war der Geldautomat weniger Motor der Entwicklung, sondern nur die technische Begleiterscheinung eines notwendigen Wandels. Eines Weltwandels ganz im Dienste der Kreditgeldes. In meiner PhD-Arbeit werde ich diese Entwicklung, dass Raum, technischer Fortschritt und menschliches Leben erst dem Wesen des Kreditgeldes und heute den Techno-Währungen folgen, weiter ausführen.

Um das Millennium herum wurden die Bankschalter im tradierten Design ganz entfernt und der einstige Schalterraum wurde nach dem Vorbild eines Wohlfühlraumes ein weiteres Mal neu gestaltet. Jetzt tritt der Kunde in eine Bank-Lounge. Er kann sich auf einem Sessel oder Sofa niederlassen, neben Wasserspender und Kaffeemaschine. Kaltgetränk und Kaffee werden ihm kostenfrei angeboten und serviert. Wie in einem bürgerlichen Wohnzimmer ist Kunst ausgestellt. Hier und da liegen auf Stelen Tablets bereit, die die Zukunft ankündigen. Als befänden wir uns in einer modernen Galerie, ist jede Ecke ausgeleuchtet und einsehbar. Zu was aber, stellt sich die Frage, wird auf Wohlgefühl, Zutrauen und Sorglosigkeit gesetzt?

Mein biologischer Vater hatte mich noch ein weiteres Mal in eine Bank begleitet. Dieses Mal in eine in der Dortmunder City. Er sorgte sich da nicht mehr um die Finanzen seiner verstorbenen Eltern, sondern um das Fortkommen seines Sohnes. Zu meinem Fortkommen zählte nach seinem überkommenen Verständnis, dass mir ein Mietshaus gehören solle. Er stellte mich einem seiner ehemaligen Angestellten vor, weil er im Glauben war, ich benötigte einen Kredit zum Immobilienkauf. Aber schon zu diesem Zeitpunkt hatte mich meine Analyse – auch dank Ihres Ratschlags – über die Idee der unbeweglichen Immobilie hinausgeführt.

Vater und Sohn hatten also in der Dortmunder Bank-Lounge auf Sesseln Typs New Country Style Platz genommen und schwiegen sich an. Von einer charmanten Praktikantin bekamen wir zu trinken gereicht und ließen die Zeit verstreichen. Ich wusste bereits, dass dieser gesamte Ort allein zum intensiven Kennenlernen eingerichtet war und als eine Lounge so inszeniert, als stünde dem Kennenlernen alle Zeit der Welt zur Verfügung. Nichts sollte das kommende Geschäftsgespräch einengen. Es sollte sich frei entwickeln dürfen. In diesem Sinne begegneten wir uns. Der Bankangestellten und ich gingen offen aufeinander zu und wir begrüßen uns in Nahdistanz mit Handschlag.

Die Foyer-Lounge mutet in seiner Einrichtung von bürgerlichem Wohnzimmer und moderner Galerie bühnenhaft an. Nicht ohne Grund stehen Plastikblumen in den Vasen, Kartons mit aufgeklebten Buchrücken in den Regalen und hängen in Bilderrahmen billige Off-Drucke. Schließlich ist dieses neue Foyer die Bühne. Sie ist die Bühne der Quadratur des Kreises: Hier tritt man auf, um eine Geschäftsidee zu präsentieren, und ist zugleich aufgefordert, sich selber geradeheraus zu performen. Eine Bank möchte vor allem sehen, dass der Kunde im Stande ist, auf dieser Bühne zu brillieren. Denn die ins Offene gestreckte Foyerhalle ist nicht mehr Guckkasten eines Papiergeld-Kammerspiels, sondern sie ist zur Probebühne des globalisierten Wirtschaftsraum geweitet. Da nun im globalisierten Wirtschaftsraum alles Mögliche rentabel sein kann, muss der Kunde vor allem unter Beweis stellen, dass er diese neuen Offenheit und Freiheit zu nutzen weiß und sich mit seinem Vorhaben in ihr souverän bewegt. Sodann bekommt er die Möglichkeit, ins Hinterzimmer gebeten zu werden. In den geschlossenen, intimen Raum der Geschäftspartner, die gemeinsame Sache machen.

Diese zeitgemäße Bank, in der ich mir den Kredit verschaffte, war denn auch jener Ort, an dem ich meinen Erzeuger zum letzten Mal gesprochen habe. Mein weiteres Tun und Vorankommen blieben ihm verschlossen. Wie hätte er es auch verstehen können, da die Gegebenheiten unserer Welt ihm nichts mehr sagten. Sie als Wissenschaftler haben einen ungetrübten Blick. Bei ihnen sehe ich mein geistiges Zuhause.

Eine Kulturanalyse, wie ich sie vorschlage, verfolgt einer strengen Empirie. Auch im Hinterzimmergespräch, das ich alleine weiter führte, ist nichts abträglicher, als in Nervosität zu verfallen. Schon in der Lounge sollte man sich wie ein Delfin im Wasser der endlosen Zeit bewegt haben. Bei den nachfolgenden Treffen erwirkt Hektik gar den Eindruck, das Investitionsvorhaben könnte irgendeinen Hacken haben. Es birgt aber ein noch viel größeres Risiko. Nämlich, ein bestimmtes Kreditvolumen könnte zu groß geraten.

Erinnern wir uns daran, wir sind als Menschen auf die Welt gekommen, damit möglichst viel Geld zu uns kommt. Gleichzeitig entzieht sich dem Bankangestellten das absolute Wissen, mit was allem noch Geld vermehrt werden kann. Darin ist der Kunde der Spezialist. Er bringt die Ideen mit. Er verheißt die Zukunft. Die letzte verbliebene Spezialkompetenz der Bank hingegen ist die Risikoabschätzung. Nun gibt es zwei Wege der Risikoabschätzung: den rationalen der Bonität, der für uns weniger interessant ist, weil er dem Wesen von Foyer- Lounge und Foyerhalle nicht Rechnung trägt und deren Erscheinen erst gar nicht fasst, – und den Weg der Analyse des Auftritts. Am Ende wird der Auftritt über all das entscheiden, was über die Bonität hinausgeht – also über den weit größeren Teil eines Kredits. Die notorische Unwissenheit auf Seiten der Bank und, dass sie dem Kunden ausgeliefert ist, zwingt sie dazu, sich ganz auf die Analyse seines Auftritts zu versteifen.

Die poplige Ausstellung der Schwerter Sparkasse und die weitere Analyse der Dortmunder City-Bank haben eines gezeigt: Die Bankensphäre hat uns zu solchen werden lassen, die als berechenbare, ambitionierte und erfolgsversprechende Personen auftreten und alles Erdenkliche als investitionswürdig verkaufen können. Im krassen Gegensatz zu einem Schalterraum zu Großväterchens Zeiten ist es in der Weite der heutigen Foyerhalle, die den globalen Wirtschaftsraum symbolisiert, von keiner Bedeutung mehr, einen gedeckten Kontostand aufzuweisen, sondern vielmehr einen erfolgsversprechenden Selbstentwurf zum Strahlen zu bringen. Wie auch immer.

© Patrick Schneider, 2021